Eine gute Entscheidung!
„Das war eine gute Entscheidung.“ Diesen Satz sagen wir meistens dann, wenn etwas gut ausgegangen ist.
Der neue Job gefällt uns. Das Unternehmen entwickelt sich positiv. Die Beziehung funktioniert. Die Investition hat sich gelohnt.
Und wenn es anders kommt? „Das war eine schlechte Entscheidung.“
So einfach machen wir es uns häufig. Aber stimmt das überhaupt?
Ist eine Entscheidung gut, nur weil das Ergebnis gut ist? Und ist eine Entscheidung schlecht, wenn das Ergebnis schlecht ausfällt?
Meine Erfahrung ist: Nein.
Eine gute Entscheidung ist nicht automatisch eine Entscheidung mit gutem Ergebnis
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Stellen Sie sich vor, Sie müssen heute entscheiden, ob Sie ein bestimmtes Projekt starten. Sie prüfen die Informationen, sprechen mit Menschen, wägen Chancen und Risiken ab und kommen zu dem Schluss: Ja, wir machen es.
Ein Jahr später stellt sich heraus: Das Projekt scheitert.
War Ihre Entscheidung deshalb schlecht?
Nicht unbedingt.
Denn zum Zeitpunkt der Entscheidung kannten Sie das Ergebnis nicht. Sie konnten nur mit den Informationen, Erfahrungen, Annahmen und Erwartungen arbeiten, die Ihnen damals zur Verfügung standen.
Die Forschung zur Entscheidungsbewertung zeigt genau dieses Problem: Menschen beurteilen Entscheidungen im Nachhinein häufig stärker anhand des tatsächlichen Ergebnisses, obwohl das Ergebnis zum Zeitpunkt der Entscheidung noch unbekannt war. In der Entscheidungsforschung wird dieses Phänomen unter anderem als „Outcome Bias“ beschrieben.
Das klingt banal. Ist es aber nicht.
Ein Beispiel für eine schwierige Entscheidung aus unserer Beratungspraxis (das so häufig ist, dass wir es so ähnlich auch in der Literatur als Karriere-Dilemma kennen): Alexander hat eine gute Position in einem internationalen Energieunternehmen, und er steht vor einer lebensverändernden Frage – der Entscheidung zwischen zwei Jobangeboten.
Job A (die sichere Vernunft): Ein unbefristeter Vertrag in einem Großkonzern. Ein hervorragendes Gehalt, das seiner Ausbildung und Erfahrung mehr als gerecht wird, der Arbeitsweg ist kurz und die Jobsicherheit ist maximal. Jedoch sind die Aufgaben reine Routine und könnten ihn schnell langweilen.
Job B (das leidenschaftliche Risiko): Ein Angebot von einem kleinen, visionären Start-up, das an einem umweltfreundlichen Projekt arbeitet. Das Gehalt wäre deutlich geringer, die Arbeitszeiten sind lang und das Unternehmen könnte in einem Jahr auch schon wieder pleite sein. Aber die Arbeit erfüllte Alexander mit großem Interesse.
Warum zeigt uns dieses Beispiel das Dilemma „Was ist eine gute Entscheidung?“ so gut? Je nachdem, welche Brille (oder ethische Theorie) man verwendet, ändert sich die Definition einer guten Entscheidung komplett.
Denn wir beurteilen damit unsere Vergangenheit mit Wissen, das wir damals noch gar nicht haben konnten.
Entscheidung unter Unsicherheit: Die Zukunft lässt sich nicht vorauswissen
So haben alle (wichtigen) Entscheidungen etwas gemeinsam: Wir wissen nicht, was alles passieren wird.
Wir können Wahrscheinlichkeiten einschätzen. Wir können Erfahrungen nutzen. Wir können Daten analysieren. Wir können Szenarien entwickeln.
Aber eine Garantie gibt es kaum.
Entscheidungen unter Unsicherheit sind deshalb ein zentraler Gegenstand der modernen Entscheidungsforschung (siehe dazu auch „Ich kann mich nicht entscheiden – was steckt wirklich dahinter?“). Dabei geht es nicht nur darum, möglichst viele Informationen zu sammeln. Entscheidend ist auch, wie Beteiligte Unsicherheit einschätzen, Erfahrungen verarbeiten und aus Ergebnissen lernen.
Deshalb ist eine gute Entscheidung aus meiner Sicht nicht die Entscheidung, bei der ich hinterher sagen kann: „Ich hatte recht.“
Eine gute Entscheidung ist eine Entscheidung, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung gut begründet und für mich tragfähig war.
Damit sind wir bei einer ganz wesentlichen Frage:
Gute Entscheidungen treffen: Was macht eine Entscheidung tragfähig?
Ob private oder Business-Entscheidung – für mich gehören mehrere Punkte dazu:
1. Ich weiß, worüber ich eigentlich entscheide
Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Manchmal suchen wir bereits nach einer Lösung, obwohl wir das eigentliche Problem noch gar nicht sauber beschrieben haben. Damit können wir nun sehr effizient die falsche Frage beantworten.
2. Ich weiß, was ich erreichen will
Eine Entscheidung braucht einen Bezug zu einem Ziel.
- Was soll durch die Entscheidung besser werden?
- Was ist mir wichtig?
- Was möchte ich bewahren?
- Was bin ich bereit aufzugeben?
Ohne diese Fragen wird aus Entscheidungsfindung schnell ein Vergleich von Möglichkeiten ohne klare Richtung.
3. Ich nutze die Informationen, die tatsächlich relevant sind
Mehr Informationen sind nicht automatisch bessere Informationen. Eine gute Entscheidung braucht nicht unbedingt möglichst viele Daten, sondern die richtigen Informationen für die konkrete Frage.
Und manchmal besteht das Problem auch gar nicht darin, dass Informationen fehlen. Manchmal sind die Möglichkeiten, zwischen denen wir wählen, schlicht nicht vergleichbar. Dann brauchen wir nicht noch zehn weitere Informationen. Wir brauchen Klarheit darüber, nach welchen Kriterien wir überhaupt vergleichen wollen.
4. Ich berücksichtige meine Erfahrungen
Erfahrung ist kein Beweis dafür, dass etwas wieder genauso passieren wird. Aber Erfahrungen einfach zu ignorieren, ist auch keine gute Strategie.
Wir lernen aus dem, was passiert ist. Die aktuelle Forschung beschäftigt sich deshalb zunehmend damit, wie Menschen unter Unsicherheit aus Erfahrungen lernen und Erwartungen an zukünftige Ergebnisse bilden.
5. Ich akzeptiere, dass jede Entscheidung einen Preis hat
Das ist für mich einer der schwierigsten Punkte.
Wenn ich mich für etwas entscheide, entscheide ich mich gleichzeitig gegen andere Möglichkeiten. Ich kann nicht gleichzeitig alle Wege gehen. Eine Entscheidung bedeutet deshalb immer auch Verzicht.
Aber genau hier liegt eine interessante zweite Seite: Was verliere ich – und was gewinne ich dadurch?
Denn eine geschlossene Tür kann gleichzeitig eine andere Tür öffnen.
Eine gute Entscheidung muss sich nicht zu 100 Prozent richtig anfühlen
Auch das ist ein häufiger Irrtum.
Wir warten auf dieses eine Gefühl: „Jetzt weiß ich es. Das ist definitiv richtig.“ Bei kleinen Entscheidungen mag das manchmal funktionieren. Bei großen Lebens- oder Unternehmensentscheidungen ist dieses Gefühl häufig nicht verfügbar.
Unsicherheit gehört dazu.
Und auch die Forschung zeigt, dass Entscheidungsverhalten selbst unter identischen Bedingungen variieren kann. Menschen treffen nicht immer dieselbe Wahl, selbst wenn ihnen dieselben entscheidungsrelevanten Informationen vorliegen.
Deshalb würde ich eine gute Entscheidung nicht daran messen, ob sie sich vollkommen sicher anfühlt. Sondern daran, ob ich sie mit dem Wissen, den Zielen und den Möglichkeiten, die ich zum Entscheidungszeitpunkt hatte, verantworten konnte.
Und dann kommt das Wichtigste
Eine Entscheidung wird erst dann wirklich zu meiner Entscheidung, wenn ich bereit bin, Verantwortung dafür zu übernehmen. Nicht für alles, was danach passiert. Das kann niemand. Aber für die Entscheidung selbst.
Ich kann später feststellen: „Heute würde ich anders entscheiden.“
Das bedeutet nicht automatisch: „Damals habe ich falsch entschieden.“
Vielleicht habe ich damals mit dem damaligen Wissen vernünftig entschieden – und später etwas dazugelernt.
Genau deshalb gefällt mir ein Gedanke besonders:
Niemand weiß den Preis, den er bezahlt, bis er was weiß.
Wir entscheiden heute mit dem Wissen von heute. Morgen wissen wir vielleicht mehr. Das macht heutige Entscheidungen nicht wertlos. Es macht sie menschlich.
Vielleicht ist deshalb die bessere Frage nicht: „Was ist die richtige Entscheidung?“
Sondern: „Welche Entscheidung kann ich heute mit meinem Wissen, meinen Zielen und meinen Werten verantworten?“
Auch dafür gibt es keine Garantie. Aber vielleicht ist genau das eine gute Entscheidung.
Und wenn Sie bei einer wichtigen Entscheidung genau an diesem Punkt festhängen, kann ein gutes Gegenüber helfen: nicht indem es Ihnen die Entscheidung abnimmt, sondern indem es Ihnen hilft, die richtige Frage zu finden.
Quellenbasis
Die wissenschaftliche Basis dieses Artikels ist bewusst relativ schlank gehalten: Die APA beschreibt Decision als interdisziplinäres Fachjournal für menschliches Urteilen und Entscheiden einschließlich Entscheidungen unter Risiko und Unsicherheit. Für die Unterscheidung zwischen Entscheidungsqualität und späterem Ergebnis ist die Forschung zum Outcome Bias besonders relevant (PubMed). Die neuere Forschung zu Unsicherheit und Variabilität im Entscheidungsverhalten unterstützt den Gedanken, dass Entscheidungen nicht als einfache, vollständig deterministische Rechenvorgänge verstanden werden können (Nature).
- APA – Fachjournal Decision
- Nature Reviews Neuroscience – Adaptive learning under uncertainty
- Nature Reviews Neuroscience – Disentangling sources of variability in decision-making